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Vorgeschichte des Flamenco

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Vorgeschichte

Die eigentliche Geschichte des Flamenco beginnt erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Was davor lag, ist untrennbar verbunden mit dem rastlosen Nomadenleben der ersten Flamenco-Interpreten, der Gitanos. Die Gitanos bilden eine Untergruppe der Roma-Ethnie, deren indische Herkunft die Sprachwissenschaftler schon im ausgehenden 18. Jahrhundert nachgewiesen hatten. Die Sprache der Roma, das Romani, zu dessen Varianten das Calo, der nur noch rudimentär bestehende Dialekt der spanischen Gitanos, zählt, gehört zur neuindischen Sprachfamilie des Sanskrit, genau wie das Hindi. Sprachliche und kulturelle Gemeinsamkeiten deuten auf eine Verwandtschaft zwischen den Roma und den Bevölkerungsgruppen Nordwestindiens hin, aber vieles ist in dieser Frage nach wie vor nicht geklärt.

Die meisten Experten nehmen an, dass die Roma den indischen Subkontinent im 10. Jahrhundert verlassen haben; aber die halb historischen, halb mythischen Anekdoten, die sie gerne wiedergeben, beziehen sich auf eine viel frühere Zeit. Zwischen 420 und 438 n. Chr. regierte in Persien der Sassanidenherrscher Bahram V., Beiname »Gur« (der Halbesel). Er war der Held der Geschichten, die Historiker wie Hamzah von Ispahan (Mitte des 10. Jahrhunderts) oder Dichter wie Firdosi (11. Jahrhundert) erzählten. Der edle König Bahrain soll seinen Schwiegervater, Herrscher eines kleinen Königreichs in Nordindien, gebeten haben, Musiker zu ihm zu schicken, damit sich seine Untertanen an Festtagen kostenlos vergnügen konnten. Die Musiker, Zott oder Luri genannt, zählten, der jeweiligen Quelle zufolge, zehn- oder zwölftausend. Bahram gab ihnen, was sie brauchten, um zu leben und die Felder zu bestellen, aber nach einem Jahr kehrten sie ausgehungert zu ihm zurück; sie hatten nur musiziert und sorglos in den Tag hinein gelebt. Der König war außer sich vor Wut und befahl ihnen, ihre Instrumente mit Saiten aus Seide zu bespannen, durch die Welt zu ziehen und sich als Musiker ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Es steht fest, dass die Roma schon sehr früh in Persien ankamen: Arabische Geschichtsschreiber erwähnten Zott-Söldner, die während der Eroberung Mesopotamiens im 7. Jahrhundert in Erscheinung getreten waren. Nach den zahlreichen persischen Entlehnungen in ihrer Sprache zu urteilen, müssen sich die Roma ziemlich lange in Persien aufgehalten haben. Persien galt als Drehscheibe für die Verbreitung der orientalischen Musik (Tonarten, Rhythmen, Instrumente, Spieltechniken), und die Roma waren daran beteiligt, die Musik sowohl nach Süden - über Mesopotamien und Syrien bis nach Ägypten - als auch nach Westen, auf den Balkan zu tragen, wo sie zu Beginn des 14. Jahrhunderts Fuß fassten, bevor sie hundert Jahre später unter dem Druck des osmanischen Vormarschs unvermittelt nach Westeuropa drangen.

Wo immer die Roma auftauchten, traten sie als Berufsmusiker hervor. In Europa führten sie orientalische Instrumente ein: diverse Lauten; den iranischen santur (aus dem sich später das ungarische Hackbrett czimbalom entwickelte); den türkischen kemange, Vorläufer der Geige; die surnay, zurna oder zurla genannte Oboe, die später durch die Klarinette ersetzt wurde; und verschiedene Perkussionsinstrumente wie Rahmentrommeln mit oder ohne Schellen.

Im Prinzip spielten die Wandermusiker die Musik, die ihre einheimischen Auftraggeber sich wünschten, und zwar mit den Instrumenten, die in der jeweiligen Region am beliebtesten waren. Sie spielten Panflöte in Rumänien, Harfe in Frankreich, Rahmentrommel und Gitarre in Spanien. Einerseits passten die Roma sich also den lokalen Bräuchen und dem Geschmack ihres Publikums an, andererseits vermischten sie mehr oder weniger bewusst die Traditionen vor Ort mit denen, die sie aus dem Orient mitgebracht hatten und unter sich manchmal weiterhin pflegten. Kennzeichnend für die Roma ist nämlich erstens ihre erstaunliche Fähigkeit, sich jeder neuen Musikrichtung anzupassen, und zweitens ihre Neigung, die fremden Musikstile durch ihre eigene Spielweise umzuformen. Manchmal brachte die Verschmelzung ganz neue Musikformen hervor, die überhaupt nichts mehr mit der einheimischen Folklore zu tun hatten. Beispiele sind der verbunkos und der csardas in Ungarn, in Spanien der Flamenco.

Besonders aufschlussreich in unserem Zusammenhang ist die Musik der walachischen Roma, der Vlach. Die Musikethnologen betrachten ihre Musik als einen für die Roma spezifischen Stil, der keinerlei Verbindung zur Folklore des Gastlandes erkennen lässt. Die Gesänge der Vlach gliedern sich in zwei deutlich zu unterscheidende Kategorien: zum einen die khelimaski djili, Tanzlieder mit seltsamen, bögö oder szäjbögö (Vokalbaß) genannten Gesangsrhythmen, die an die feoZ-Silben des indischen khyal-Ge-sangs erinnern; zum anderen die orientalisch klingenden »langsamen Lieder«, die loki djili, deren charakteristischer Melodieaufbau sich von Lied zu Lied kaum verändert. Immer wieder pochten die Musikwissenschaftler auf das spezifisch »Zigeunerische« dieser Musik, was automatisch dazu führte, dass Forscher in anderen Musikstilen der Roma nach ähnlichen Merkmalen suchten. In der ungarischen Musik kann man heute zum Beispiel beobachten, wie die Vokaltechnik des bögä allmählich die Instrumentalmusik der Romungro unterwandert. Ebenso übernahm das ungarische »Volkslied im Zigeunerstil« den melodischen Aufbau und die charakteristischen Pausen der loki djili. Merkwürdig ist allerdings, dass die gleichen musikalischen Merkmale - obwohl die spanische Folklore sie nicht kennt - auch in den echten Flamenco-Formen vorkommen: der rhythmische Gesang der Tanzmusik in den bulerias, die charakteristischen Melodieformeln und Pausen in den tonas, siguiriyas und soleares

Das heißt natürlich nicht, dass alles im Flamenco von den Gitanos stammt, aber die gemeinsamen Merkmale beweisen unwiderlegbar, dass die »Zigeuner« dieser Musik ihren Stempel aufdrückten, als sie ihre eigenen Techniken und Interpretationsweisen auf sie anwandten.

Es liegt auf der Hand: Die musikalischen Gemeinsamkeiten sind so einmalig und stimmen so genau überein, dass es sich nicht um einen Zufall handeln kann. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, kann man auch noch festhalten, dass die zwölfschlägigen rhythmisch-melodischen Sequenzen der typisch »zigeunerischen« Flamenco-Stile den raga aus Indien entsprechen und dass die Tanzbewegungen der »Zigeunerinnen« Andalusiens, Ägyptens oder Mitteleuropas denen der Inderinnen aus Rajasthan verblüffend ähnlich sind.

 

 

Zum Thema Flamenco siehe auch: 

www.theateraustria.net

www.theateraustria.com

 

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